Die Bulli-Karawane rollt

Die Bulli-Karawane rollt

Neun Busse, vier Tage, drei Pässe, ein Abenteuer: Zum 70. Geburtstag des VW Transporters erkundete eine Karawane von historischen T1, T2 und T3 schöne und verborgene Ecken der Schweiz. 

Neun Busse, vier Tage, drei Pässe, ein Abenteuer: Zum 70. Geburtstag des VW Transporters erkundete eine Karawane von historischen T1, T2 und T3 schöne und verborgene Ecken der Schweiz. 

Birrfeld, am 25. August frühmorgens. Neun historische Bullis haben sich auf dem Parkplatz des AMAG-Logistikzentrums eingefunden, zusammen mit ihren Besitzern, einer bunt gemischten Truppe mit auffallend vielen Frauen darunter. Ein kurzes Briefing, Verabschiedung durch Rico Christoffel, den Brand-Director von VW Nutzfahrzeuge, und die Karawane setzt sich in Bewegung. Der Weg führt durchs Seetal ins Luzerner Hinterland und an den Napf. Die Fahrt über dessen Ausläufer bietet eine einmalige Aussicht – das Mittelland ist definitiv nicht langweilig. Und die bis zu 64 Jahre alten Veteranen geben tüchtig Gas. Auf der Lüderenalp gibt es einen ersten Zwischenhalt. Die Stimmung ist entspannt, die illustre Reihe der Bullis lockt zahlreiche Passanten an.

Seitenstrassen bevorzugt: Auf dem Weg Richtung Grimselpass nimmt die Karawane gerne mal eine Abzweigung.

Steil hinauf z’Alp

Die Karawane meistert den Schallenberg und durchquert Thun, das Simmental hoch, bis die Route in Oberwil scharf rechts abbiegt. Die Strasse steigt nun steil an, Schotter löst den Asphalt ab. Enge Spitzkehren und ungesicherte Abgründe säumen den Weg. Die Fahrerinnen und Fahrer nehmen es gelassen – wie ihre alten Autos. Vor der Bergwirtschaft und Alpkäserei der Morgetenalp bezieht die Bulli-Karawane ihr Nachtlager. Nach einem guten Essen wartet ein zum Badezuber umfunktioniertes «Chäschessi» (Käsekessel) auf die Teilnehmer. Einige steigen gar erst nach Mitternacht wieder heraus. Der klare Sternenhimmel ohne Fremdlicht ist ein Traum … 

Am nächsten Morgen strecken die Bulli-Fahrer nach und nach den Kopf aus der Schiebe- oder Klapptür ihres Lieblings. Rundherum gackern die Hühner, sogar Hasen hoppeln um die Busse, 

und Frieda, der kleine Langhaardackel und Copilot von Sarah im gelben T2, hat bereits die Alp erschnüffelt. Zeit für den Abstieg. Wie an einer Perlenkette aufgereiht, schlängeln sich die bunten Autos den Hang herunter. Die Faustregel, im gleichen Gang runter wie hoch, haben sich die Fahrerinnen und -Fahrer der noch mit Trommelbremsen ausgerüsteten Klassiker zu Herzen genommen. 

Wir beschliessen, aus Zeitgründen die Autostrasse nach Interlaken zu nehmen und dann über die Nordseite des Brienzersees nach Innertkirchen und Richtung Grimsel zu fahren. Denn die einspurige Strasse oben auf dem Pass, die an den Oberaarsee führt, ist pro Stunde nur zehn Minuten offen. Am Pass zeigt Beats und Nadines T2 Westfalia eklatanten Leistungsmangel. Der Bus quält sich so im ersten Gang den Berg hoch. Alle schaffen jedoch das knappe Zeitfenster. Die Aussicht auf den Stausee und den Oberaargletscher ist atemberaubend. 

Fein säuberlich aufgereiht: Auf der Morgetenalp im Berner Oberland haben die Bullis und ihre Besitzer die erste Nacht verbracht.
Gelb-blauer Exot: Als einziger T3 unter den luftgekühlten Bullis sticht der Bus von Alex und Dominique heraus.

Bergab Richtung Obergoms gilt es, die Bremsen zu schonen. Aber Tempo ist kein Faktor, das Ankommen ist wichtiger – und dem Postauto hoch nach Binn nicht im Weg zu stehen, unserem Ziel der zweiten Etappe. Im 1,5 Kilometer langen, schnurgeraden Tunnel ins Binntal erschallt das Bollern von neun luftgekühlten Boxermotoren. 

Auf dem Campingplatz erwartet uns erstmals eine Dusche. Zeit, sich frisch zu machen – auch die Autos. Sarah beweist dabei, dass die VW Oldtimer-Szene die Genderfrage schon beantwortet hat. Sie fragt nach einer Prüflampe, holt ihr Werkzeug und stellt Kollege Beat, im lahmen T2 Westfalia unterwegs, die Zündung korrekt ein.

Überhaupt, die Frauen rocken das Geschehen. Jessica mit dem blauen Hochdach-T2, Bea mit ihrem rot-grauen T1 und Sarah bilden eine kleine Wagenburg. Dort eröffnen sie eine lange, aus Campingtischen zusammengesetzte Tafel, auf der das abendliche Raclette-Essen stattfindet. Die drei – und auch ihre männlichen Kollegen der Bulli-Karawane – zelebrieren den Style des «Van Life»: Sie leben immer häufiger im Bus und entdecken damit gleichzeitig die Welt. Und die gemeinsame Leidenschaft für die Bullis verbindet, macht aus einer eher zufällig zusammengefundenen Truppe rasch Freunde. Sie alle haben schliesslich nicht nur viel Geld, sondern auch viele Arbeitsstunden in ihre Gefährte investiert. Und da gibt es einiges zu erzählen. 

Der Tag der tausend Kurven

Der Simplon steht am folgenden Tag auf dem Routenplan. Doch die internationale Fernverkehrsstrasse ist definitiv kein Vergnügen für die «moderat» motorisierten Bullis alter Schule – der eine T1 ist gar nur mit 25 PS unterwegs. Deshalb haben die beiden Co-Organisatoren, Claude Schaub von bugbus.net und Martin Sigrist von der «autoillustrierten», eine abenteuerliche Alternative gewählt: einen Schleichweg über Furten und auf Schotter – alles offiziell befahrbar.

Mittagessen gibt es in Zwischbergen, einem Seitental bei Gondo. Uns erwarten bis dahin weitere Spitzkehren, echter Lenksport und Ruhe am Bergbächlein. Tausend Kurven und die heimkehrenden Grenzgänger fliegen uns danach im Centovalli entgegen. Ein Bad in der Maggia – sogar Hund Frieda wagt sich auf Jessicas Stand-upBoard – und eine Pizza bringen Erholung.

Am nächsten Morgen: Wetterwarnung! Starke Regenfälle sind angesagt, mit dem Epizentrum im San-Bernardino-Gebiet, also genau auf unserer Route ins Schamsertal. Aber Regen hin oder her, die Oldtimer fahren unbeeindruckt über den Pass. Die Scheibenwischerchen machen ihre Arbeit dabei ordentlich, und grundsätzlich ist kühles Wetter ideal für die alten, luftgekühlten Bullis. So erblickt die Karawane auf der San-Bernardino-Passhöhe alsbald – nichts! In Nebel gehüllt, will der See nicht zum Vorschein kommen. Was soll’s, in Andeer wartet der Campingplatz.

Der letzte Abend schweisst die bunt zusammengewürfelte Truppe endgültig zusammen. Unter der grossen, quer über die Wagenburg gespannten Blache wird es beim stetigen Trommeln des Regens richtig gemütlich. Noch einmal machen wilde Bulli-Geschichten die Runde. Was für ein Abenteuer! Und genau das richtige, um das 70-Jahr-Jubiläum des VW Busses in der Schweiz gebührend zu feiern. 

70 Jahre Transport-Klassiker

Er machte das Gewerbe mobil, war das Kultauto der Hippies und bewegt heute Familien, Sportler und Handwerker: der VW Transporter – oder Bulli und VW Bus, wie die T-Baureihe im Volksmund genannt wird. 1950 lief er erstmals von den Produktionsbändern und wurde seither weltweit über 13 Millionen Mal verkauft. Mehr als 265 000 Stück fanden den Weg in die Schweiz. Sein Erfolgsrezept zu Produktionsbeginn: luftgekühlter Boxermotor im Heck, den Fahrer weit vorn und dazwischen sehr viel Platz. Im T3 folgte die Umstellung auf wassergekühlte Motoren, kurz darauf war er auch mit Dieseln und dem Vierradantrieb Syncro erhältlich. Mit der vierten Generation 1990 wanderte das Aggregat schliesslich vom Heck in die Front. Das Modellangebot wuchs stetig: Seit Mitte der 1980er-Jahren gibt es den VW Bus auch als Multivan und Caravelle, als Transporter ist er mit verschiedensten Aus- und Aufbauten bestellbar. Eine grosse Karriere legte er als Reisemobil hin: Der California hat sich seit seiner Lancierung als eigenständiges Modell im Jahr 1988 zum meistverkauften Camper der Welt entwickelt. Inzwischen ist der Bulli als T6.1 in der Moderne angekommen: Er ist voll digitalisiert und vernetzt, verfügt über die neusten Assistenzsysteme – ohne dabei aber seine alten Stärken zu vernachlässigen. 

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Die Karawanen-Busse, ihre Besitzer und die Geschichten dahinter

«Momo», Beat und Nadine, T2b Westfalia (1977) 

Wir haben den Bus damals für einen Spottpreis kaufen können – 3500 Franken! Leider ging der Motor genau auf der Hälfte des Heimwegs nach dem Kauf kaputt. Der Verkäufer baute dann für 500 Franken Aufpreis einen neuen ein. Heute fahren uns gelegentlich Leute hinterher, die den Bus direkt kaufen wollen.

«bugbus.net», Claude, T1 (1966)

Ich habe diesen Bus seit 20 Jahren und fahre ihn im Alltag, früher sogar im Winter. Er war einmal ein Funkerfahrzeug der Schweizer Armee, der mit einer Kleinbus-Innenausstattung versehen wurde. Das hat zwar viel Geld gekostet, wenn ich aber rechne, wie lange ich ihn schon fahre, dann ist es ein sehr günstiges Auto. 

«Arcomobil», Rolf, T1 (1956)

Der Campingausbau stammt aus der Produktionszeit des Autos und wurde von der Firma Arco ausgeführt. Ich habe den Bus 2006 in Deutschland gefunden und anschliessend restauriert. Er zieht auch einen Wohnwagen, den ich in denselben Farben lackiert habe.

«Ambulanz», Martin, T1 Werks-Krankenwagen (1965)

Den Bus habe ich seit bald 30 Jahren, er ist mein erstes Auto überhaupt. Für 2500 Franken im April 1991 in Thun von der Armee ersteigert, dann fünf Jahre gefahren und zwölf Jahre eingelagert. Seit 2007 ist meine Ambulanz wieder permanent zugelassen und dient im Sommer als Freizeitauto für die ganze Familie.

«Ladyplanet», Bea, T1 (1966)

Ich habe den Bus in Österreich gefunden. Die Farben haben die Vorbesitzer aufgebracht und ihn als Werbefahrzeug genutzt. Mein Bus ist innen sehr weiblich gestaltet, während er aussen eher die männliche Komponente verkörpert. Er ist auch für mich ein perfekter Werbeträger und immer dabei, wenn ich in der Natur Ruhe suche.

«Luftschiff», Jessica, T2a (1969)

Mein Hochdach-T2 ist ein ehemaliges Armeefahrzeug. Er ist vielleicht keine Perle, diverse Stellen sind geschweisst, und die blaue Farbe ist gerollt, das hat allerdings den Vorteil, dass sich kleinere Blessuren leicht ausbessern lassen. Innen ist er ganz nach meinem Geschmack eingerichtet, es gibt sogar einen Petrol-Ofen. 

«Phönix», Sarah, T2b Westfalia (1975)

Mein T2 Westfalia ist buchstäblich aus der Asche auferstanden. Als ausgebrannte Ruine kam er zu meinem Vater, der das Auto als Mietfahrzeug neu aufbauen wollte, ganze drei Jahre dauerte das. Inzwischen waren aber die Preise durch die Decke gegangen, die Versicherung hätte das Vermieten unrentabel gemacht, so konnte ich ihm «Phönix» abkaufen. 

«Harry», Larry und Martina, T2 (1972)

Unseren Bus hat ein Profi nach unseren Ideen mit Altholz ausgebaut. Zudem ist er leicht tiefergelegt. Wir sind mit unserem Bus so viel unterwegs wie irgendwie möglich und fahren damit auf Treffen in ganz Europa.

«Lars», Alex und Dominique, T3 (1979)

Luftgekühlte T3 wie unseren sieht man mittlerweile fast keine mehr auf den Strassen. Der Bus hat einige «Gspändli», ich hatte immer VWs und habe früh begonnen, Teile und ganze Fahrzeuge zu sammeln. So befindet sich auch der «Grimsel Express», ein alter Samba-Bus, in meinem Besitz. 

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